Die S-Bahn von der Ostsee

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Beschreibung

Mitte der 30er Jahre wurde der nördliche Teil der Ostseeinsel Usedom zum militärischem Sperrgebiet. Unter strenger Geheimhaltung entwickelten hier entwickelten die Luftwaffe und das Heer auf einem riesigen Areal „ferngelenkte raketengetriebene Sprengkörper”, die später unter dem Namen „V 1“ und „V 2“ (Vergeltungswaffe) bekannt wurden. Aufbau und Betrieb der Anlagen brachte tausende Bauarbeiter, später auch  Fremd- und Zwangsarbeiter nach Peenemünde. Die zunächst mit Diesellokomotiven betriebene Werkbahn reichte für den enormen Beförderungsbedarf schnell nicht mehr aus, eine elektrische Lösung sollte gefunden werden.

Auf der Suche nach dem geeigneten Betriebssystem wählte man für den Personenverkehr die Berliner S-Bahn als Vorbild. Fortan errichtete man viele betriebliche Einrichtungen wie Stellwerke, Wagenhallen und Unterwerke auf der Ostseeinsel, die denen in Berlin ähnlich waren. Die Peenemünder Schnellbahnwagen entstanden kurz nach der Berliner Lieferung der Bauart 1939 (ET/EB 167 081–211, geliefert 1939–1941) und basieren auf deren Zeichnungen für den Fahrzeugteil. Die 15 Triebwagen (Trw 01–15) lieferte die Dessauer Waggonfabrik, die 15 Steuerwagen (Stw 01–15) die Waggonfabrik Busch in Bautzen. Den elektrischen Teil lieferten die Siemens-Schuckertwerke und nahmen dafür die in den 30er Jahren für Buenos Aires gebauten Wagen der C-D-E-Linien zum Vorbild. Statt an Stromschiene erhielten die Peenemünder Züge Stromabnehmer für Oberleitung.

Ende 1942 erreichten die ersten Triebzüge die Insel Usedom, wo sie in dichter Zugfolge täglich bis zu 25.000 Fahrgäste beförderten. Bei den Luftangriffen auf Peenemünde in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 wurden 4 Trieb- und 6 Steuerwagen zerstört.

Nach dem Krieg befanden sich auf Usedom vermutlich vier Triebzüge, drei wurden in der Reichsbahndirektion Erfurt in der Harzgegend aufgefunden, wo sich rund um Bleicherode umfangreiche Raketen-Produktionsstätten befanden. Diese sieben Einheiten gelangten 1946 als Reparationsgut in die Sowjetunion. Eine Einheit wurde in der Reichsbahndirektion Nürnberg aufgefunden und gelangte zur Isartalbahn (heute Ausstellungsstück im Historisch-Technischen Museum Peenemünde). Eine Einheit sowie zwei Triebwagen befanden sich bei Kriegsende im RAW Berlin-Schöneweide und wurden nach Reparatur als Beiwagen (EB 167) in den Wagenpark der S-Bahn eingegliedert (u. a. der Trw 05, der heute als 877 602 im Vereinsbesitz ist). 1952 gab die Sowjetunion im Tausch gegen neue Weitstrecken-Reisezugwagen einen Teil der als Reparationsgut verbrachten S-Bahnwagen an die Reichsbahn zurück. Darunter befanden sich auch die sieben Peenemünder Schnellbahnzüge, die aber wegen ihrer abweichenden Fahrdrahtspannung von 1200 Volt (Berlin: 750 Volt) dort nicht im Einsatz waren.


In Berlin wurden die Züge zunächst in die Baureihe ET/EB 167 eingereiht (ET/EB 167 286–292). Jedoch bekamen sie hier die Steuerung der Baureihe ET/EB 165 (Bauart Stadtbahn), weil nur diese verfügbar war, und konnten deshalb nicht mit der Baureihe ET/EB 167 im Zugverband fahren. Mitte der 60er unterzog die Reichsbahn die Züge einer Rekonstruktion, wobei sie eine neue Inneneinrichtung mit sprelacartfurnierten Wänden, grau-blaue Kunstlederpolster und Arnsdorfer Glühlampenleuchten erhielten. Außerdem baute man in die Führerstände der Steuerwagen wieder die notwendigen Ausrüstung ein. Die Wagen wurden nun als ET/ES 166 054–060 bezeichnet und konnten mit den übrigen dieser Baureihe sowie mit der BR 165 im Zugverband fahren. Eingesetzt wurden diese Steuerviertelzüge oft auf verkehrsschwachen Linien (Westnetz: Jungfernheide—Gartenfeld, Beusselstraße—Spandau West; Ostnetz: am Wochenende Schöneweide—Spindlersfeld).

In den Jahren 1978 bis 1981 moderniesierte das Raw Schöneweide fünf der sieben Peenemünder Züge (u. a. neue Drehgestelle, Klappfenster, Leuchtstofflampen, "Klavier" zur automatischen Kupplung der Steuerleitungen) zur Baureihe 277mod. Nach Anpassung der Steuerung konnten sie nun mit den übrigen Fahrzeugen dieser Baureihe im Zugverband fahren. Als Steuerviertelzüge boten sie bis 2003 wertvolle betriebliche Vorteile für schwach ausgelastete Strecken vor allem im Abend- und Nachtverkehr.


Der Vereinseigene 267 069/070 blieb unmodernisiert. Im Innenraum zeigt er – mit Ausnahme der 1988 eingebauten Klappfenster – weitgehend der Zustand ab Mitte der 60er Jahre. Nach seiner Ausmusterung 1991 wurde er im Folgejahr als eines des ersten Fahrzeuge vom Verein Historische S-Bahn übernommen. Als einziges Fahrzeug in der Sammlung zeigt sich der Peenemünder im ungewöhnlichen „Hauptstadtlack“ der späten 80er Jahre. Zum Tag der offenen Tore 2008 wurde der Viertelzug repariert und ist voll funktionstüchtig.

 

Technische Daten
Bauart Peenemünde
Baujahr 1942
Einsatzzeit 1943 – 1991
Antriebsleistung 4 Motoren je 90 kW (ursprünglich 4x 100 kW)
Höchstgeschwindigkeit 80 km/h
Wagenlänge (über Kupplung) 17.605 mm
Sitzplätze je 58 in Trw und Stw bei Auslieferung
Zustand erhalten im Zustand des letzten Betriebsjahres 1991, funktionsfähig

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